Die Story von "ALTAR - Das Game"
Ein paar Freunde und ich schreiben zur Zeit die Story für ein Adventure-Computerspiel (notfalls wird es einfach nur eine lustige Geschichte =). Wer mithelfen möchte, kann sich gerne bei mir oder bei Paul melden, wir sagen Dir wie es geht! Du kannst aber auch hier einen Vorschlag zur Fortsetzung machen...

| Kapitel 1 |
| Henok wachte in einer schäbigen Gefängniszelle auf. Er lag auf einem harten Gestell, das ein Bett darstellen sollte. Es war kalt. Und es war dunkel. Sehr dunkel. Er hatte starke Kopfschmerzen. Trallala jupsasa juheisasa! |
| An den Wänden hing feuchter Schmodder, Ratten zischten durch die Zelle. Wie er hier hereingekommen war, wusste Henok nicht. Schritte näherten sich der Tür. |
| "Futter", hallte es durch die Gänge. Einen Augenblick später öffnete sich eine kleine Klappe in der dicken Holztür und ein Tablett wurde reingeschoben. Doch noch bevor er sich dem stinkenden Brei auf dem Tablett nähern konnte, füllte sich der Raum mit dem lauten Geräusch klirrender, aufeinanderfallender Schwerter. Wütende und verzweifelte Schrei mischten sich unter die Schwerthiebe. |
| Der offensichtlich tobende Kampf verstummte plötzlich, als eine Explosion durch die Räume grollte. Einige Minuten der Stille verstrichen, dann näherten sich Schritte und Henok hörte eine tiefe, männliche Stimme sagen: "Hier muss er sein!". |
| Ein großer, eiserner Schlüssel bohrte sich durch das krächzende, verrostete Schloss und die Holztür wurde durch den Tritt eines schweren Stiefels aufgestoßen. Ein riesiger Mann mit orkähnlichem Körperbau stand vor der offenen Tür, aus der neben dem Gestank des Mannes die grellen Lichter von Fackeln hervorgingen, die von zwei anderen, kleineren Männern gehalten wurden. Henok konnte die Gesichter nicht erkennen, denn sie hatten alle drei Kapuzen an, und Henok war noch von seinem tiefen Schlaf und seinen Kopfschmerzen benebelt. Alles erschien ihm wie in einem Traum. |
| Mit einem tiefen Grunzen griff der orkähnliche Mann in einen, an seinem Gürtel hängenden Beutel und zog ein leuchtendes Amulett hervor. Vier grunzelnde Laute später verfärbte sich die Zellenwand, die Henoks Bett gegenüberstand, blau, und ein waberndes Portal eröffnete den Blick auf einen seltsamen Raum voller Bücher, aus dem warmes Licht hervorging. Die zwei Fackelträger ergriffen Henok und schmissen ihn, ohne dass er sich wehren konnte, durch das Portal. |
| Henok fiel polternd auf den Boden, doch er war über die Wärme in dem Raum höchst erfreut. Das Portal wurde geschlossen, nachdem seine drei Befreier lachend durchtrabten: "Milena wird ihren Spaß an Dir haben..." - "Und wir eine saftige Belohnung!", unterhielten sich die Fackelträger, während Henok sich fragte, warum diese Milena einen Tolpatsch wie ihn aus dem Gefängnis befreien ließ. Warum war er eigentlich überhaupt im Gefängnis gewesen? Er hatte keine Zeit, über diese Frage nachzudenken, denn er erhielt einen Fußtritt von dem Orkmann, der gerade mit den Fackelträgern den Raum verließ. "Die Prophezeiung erfüllt sich!!!", hallte eine sanfte, singende Stimme hinter einem hohen, ihm abgewandten Sessel hervor, den Henok bis dahin nicht bemerkt hatte. |
| "Sei Willkommen", fuhr die Stimme fort: "Torek, Meister der Schwertkunst! Lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet." Henok versuchte die offensichtliche Verwechslung klarzustellen, doch die sanfte Stimme fuhr fort, ohne ihn zu beachten: "ich weiß nicht, wieviele Schwindler und Möchtegerns ich zu Staub zermalmen musste, doch jetzt bist du ja hier..." |
| Henok musste sich bildhaft vorstellen, wie er zu Staub zermalmt werden würde, wenn man erfahren würde, dass er gar nicht der gesuchte Torek ist, und entschloss sich, bei dem Spiel mitzuspielen. Er ahnte noch nicht, was dieser Fehler für Auswirkungen haben würde. "In der Tat, Du hast mich gefunden", log er mit einer verstellten, tiefen Stimme, und wunderte sich, wie männlich sie klang: "Ich danke Dir für meine Befreiung! Doch bin ich müde, und möchte nun heimgehen..." Milena unterbrach ihn mit einem lauten Lachen. Endlich drehte sie ihren Sessel ihm zu, so dass Henok sie erblicken konnte: "Gehen ja, doch nicht nach Hause! Du wirst die Prophezeiung erfüllen! Du hast einen laaaangen Weg vor Dir!" Milena war eindeutig die schönste Elfin, die Henok je gesehen hatte. |
| "Ich habe dein Leben gerettet, und nun stehst du in meiner Schuld. So ist es doch bei euch Theroniern, oder? Bis zum Tode..." Milena zog ein schelmisches Lächeln auf: "Der große Torek Fermanus. Die Eiserne Faust Theroniens, Bezwinger der Drachen vom Berge Ursia, der den Ozean ohne Boot überquerte um Lord Korand zu erschlagen und dreifacher Preisträger in der Kategorie 'Held mit der sanftesten Haut' gekürt durch die Zeitschrift 'HEROES WELLNESS'... ich dachte du wärst größer" Henok fuhr sich prüfend mit der Hand über die Wange: "Ja... äh, das sagen alle." Milena erhob sich von ihrem Sessel und gestattete dem Betrachter einen Blick auf ihre graziöse, majästätisch hochgewachsene Figur: "Du wirst schon früh genug erfahren, warum ich dich herbeigeholt habe. Doch zunächst müssen Vorbereitungen getroffen werden... das übernimmst du." - "Ich?" - "Ja, du!" Henok fühlte sich überhaupt nicht wohl in seiner Haut. |
| "Du wirst in meine Bibliothek gehen und dort nach einem Buch suchen. Um genau zu sein handelt es sich dabei um das..." Der Raum schien sich zu verdunkeln und machte einen weitaus berdohlicheren Eindruck, als er es immerhin schon tat. Milena fuhr fort: "... DAS BUCH DER SCHLIMMEN DINGE!" Ein Blitz durchfuhr den Himmel und erleuchtete den Raum für einen Wimpernschlag durch ein großes gothisches Bleiglas-Fenster. Henok fuhr zusammen und der Raum wurde wieder normal. Eine lapidare Stille trat ein. |
| Endlich wagte es Henok, den Mund aufzumachen. "Nur um ganz sicher zu gehen, dass ich das auch richtig verstanden habe...", er machte eine Pause: "...das Buch Der Schlimmen Dinge?" Es Blitze erneut. Milena seufzte und hielt sich die Hand an die Stirn: "Ja, du hast es verstanden. Herzlichen Glückwunsch! Und nun geh mir aus den Augen und mach dich an die Arbeit!" Mit diesen Worten machte Milena eine wirbelnde Handbewegung wobei Funken aus ihren Fingern stoben. Henok wurde von einer unsichtbaren Kraft in die Luft gehoben und hochkant durch eine große Flügeltür in den dahinter liegenden Flur geworfen. Mit einem Lauten Wumms flog die Flügeltür hinter ihm zu. Leicht angeschlagen erhob er sich und dachte sich im Stillen: "Aber ich bin doch gar kein Drachenbezwinger..." |
| Kapitel 2 |
| "Na toll", dachte sich Henok, "und wo soll diese Bibliothek denn bitteschön sein?" Er beschloss, sie schnell aufzusuchen, das böse Buch zu holen und schnellstmöglich aus diesem Schlammassel zu entkommen. Er lief einen grauen schmalen Weg entlang, vorbei an einem seltsam leuchtenden Lagerhaus, in das gerade Fässer mit der Aufschrift "NEONPLÜRRE(tm)" hineingetragen wurden, und kam schließlich am Hafen an. Da es schon recht spät war, traf er auf der Straßen niemanden. Außer einem kleinen schnarchenden Goblin war er ganz allein hier draußen. Der schlafende Goblin umarmte ein Fass Rum, welcher wohl auch für sein Schnarchen und seinen tiefroten Kopf verantwortlich war. Zum Glück fand eine Kneipe, an deren Wand ein auf magische Weise leuchtendes Schild hing: "Zur besoffenen Jungfrau", was auf eine nicht sehr einladende Weise hier und da flackerte. Er wollte hier dennoch sein Glück versuchen. |
| Durch die offen stehende Tür hörte er schon lautes Gelächter und wildes Geschreie besoffener Männer und Frauen. Schon bei dem ersten Schritt in die Kneipe überfiel ihm ein ungutes Gefühl, an dem der Stuhl, der direkt neben ihm an die Wand krachte, nicht unmaßgeblich beteiligt war. Offenbar hatte sich ein Kampf zwischen einem Zwerg und einem ganz besonders hässlichen Menschen entfacht, der gerade dem örtlichen Schreiner viel Arbeit beschehrte. Duckender Weise kämpfte sich Henok zur Theke durch, vorbei an dem tobenden Publikum des Kampfes und einigen fliegenden Bierkrügen. "Mogen Meister." schrieh der Barkeeper, seinen leeren Blick starr nach vorne gerichtet. Es schien fast, als wäre er blind (was er ja auch war). |
| "Was darf's denn sein?" - "Ich suche die Bibliothek"... Plötzlich verstummte der ganze Raum. Der Kampf löste sich auf, während ein weiterer Stuhl, der soeben in Richtung Tür flog schlagartig seinen Flug unterbrach, um direkt zu Boden zu fallen. Den singenden und saufenden Zwergen, Menschen, Elfen und Goblins verschlug es abrupt die Sprache, als hätte jemand aus Versehen den Universal-Stopp-Knopf der Gaststätte gedrückt. Alle stierten stumm auf Henok. Dieser errötete und sagte: " Ähmmm.... ich meinte... Brauerei... Ähmm... Jepp, genau das meinte ich." Das Gebrüll und der lallende Gesang der Besoffenen ging, ebenso wie das Schunkeln und die Schlägerei sofort weiter und auch der Stuhl stieg wieder in die Lüfte und setzte seine Flugbahn fort. Henok atmete auf, während der blinde Barkeeper jemandem einen reisigen Krug Grog hinstellte. Henok erkannte, daass dies der falsche Ort für die Einholung der benötigten Imformationen war und wollte gerade gehen, als plötzlich eine dunkle Gestalt vor ihm auftauchte: "Du suchst die Bibliothek, Fremder?" |
| Die Gestalt war in eine schwere Robe gehüllt und nur die Stimme verriet, das es sich hierbei um eine Frau haldente. "Du solltest die Bibliothek an einem solchen Ort nicht so laut erwähnen, es wurden Menschen hier schon wegen weniger umgelegt. Was willst du dort?" Henok antwortete: "Ich suche ein Buch..." |
| "Hmm, ein Buch sagst du? Da bist du bei mir an der richtigen Adresse." freute sich die verhüllte Person, "folge mir, Fremder." Henok folgte ihr, ohne zu meckern durch einen Hintergang nach draußen, wo ein hölzernes Schild mit der krakeligen Aufschrift "Bibliothek" über einer gammligen Theke hing. Henok hatte also die Bibliohtekarin kennen gelernt. Sie stellte sich hinter die Theke und riss ihren langen Mantel auseinander und gab so den Blick auf eine Vielzahl von bunten Büchern frei, die in den vielen Innentaschen ihres Mantels hingen. "Die Sachen für Erwachsene sind zwar alle verliehen, aber..." erläuterte sie, doch Henok erblickte ES sofort, denn ES war mit dicken, hell leuchtenden aufgeklebten Kupferbuchstaben beschriftet. "Das Buch der schlimmen Dinge!" rutschte es ihm heraus. Es blitzte grell, so dass Henok und die Bücherverkäufering zusammenzuckten. "Oops", entschuldigte sich Henok. "Kein Problem, Fremder, das passiert mir immer wieder. Zeig mir einfach deinen Bibliotheksausweis und du kannst es dir ausleihen." |
| "Hm.... einen Ausweis.... tcha.... ich hab' leider keinen", gab Henok zögernd zu. "Dann kann ich dir das Buch auch nicht geben." "Woher könnte ich denn einen solchen Ausweis bekommen, edle Dame?" "Nun, du müsstest den Ausweis gegen eine geringe Gebühr bei der Ausweisstelle beantragen, kostet dich nur 20 Goldstücke." ".... 20 Goldstücke !?!?!?!" "20 Goldstücke." |
| Henok kratzte sich verbissen am Kopf und überlegte. 20 Goldstücke - in Worten: ZWANZIG - war verdammt nochmal ne Menge Schotter. "Und wo ist diese Ausweisstelle?" Die Bibliothekarin hielt kurz inne. "Oh, nicht weit weg... sehr nahe", sagte sie schließlich. "Hier bei mir, um genau zu sein." Henok betrat die Spielunke wieder durch die Hintertür. Woher zum Henker sollte er so auf die Schnelle 20 Gildstücke auftreiben? |
| "ZWANZIG Goldstücke ...!", hallte es ihm entgegen, kaum hatte er die Taverne betreten. Ein großer fetter Kerl brüllte über den üblichen, obligatorischen Lärm des Lokals hinweg. Er war nicht zu überhören. "Wer in diesem Kindergarten ist Manns genug mit mir um ZWANZIG Goldstücke um die Wette zu tinken?!" Ohne nachzudenken schrie Henok "Ich!" Raum und Zeit verhakten sich erneut ineinander. Alle Blicke des Universums schienen sich in einem Punkt zu schneiden: in Henok's Hypotalamus. Sogar der arme Gnom, der in diesem Moment von einem Barbaren quer durch die Taverne geschmissen wurde und nun auf halben Wege zwischen seinem Werfer und dem Fenster in der Luft hing, glotzte Henok an, als hätte dieser nicht nur seinen Vater und seine Mutter auf dem Gewissen, sondern auch noch seinen Goldhamster und seinen geliebten Bansaibaum, den der Gnom doch über viele Jahre so liebevoll gepflegt hatte. |
| "Ich... äh... Ich meinte: ich gehe dann jetzt." Der Gnom flog durchs Fenster und die Gespräche, das Gesaufe und Gemorde in der Kneipe ging weiter. Der Fette Kerl aber trat an Henok heran. "Soso. Der Kleine Mann will ein Duell. Har har! Das Spiel läuft so: du stellst den Rum. Und wenn du mich unter den Tisch säufst, was ich nicht glaube, kannste die 20 Piepen haben. Wenns dich ausn Stiefln haut, und das wird es, darf ich den Rest vom Rum behalten." Henok schlug ein. Jetzt brauchte er nur noch eine Ladung Rum und ein, zwei weitere Lebern. |
| Doch woher den Rum nehmen, wenn nicht stehlen... "Stehlen, eine gute Idee", dachte sich Henok, "ich breche in das örtliche, schwer bewachte, Rumlager gleich hier am Hafen ein, und nimm mir einfach ein Fass voll mit... naja, werd dabei wahrscheinlich von den Wachen niedergeknüppelt und ins Gefängnis geworfen... aber man holt mich ja mittlerweile mit viel Tam-Tam da raus..., vielleicht werd ich auch gleich getötet... och nö... das is keine Lösung..." |
| Genau in diesem Moment fiel Henok der betrunkene Goblin am Hafen ein. Der hatte doch eine Ladung hirnschädigenden Rum dabei... Henok suchte ihn auf. Wie erwartet traf er ihn schlafend am Kai an, sein Fass fest umklammernd. Henok musste ihn wohl wecken. "Hey Matrose, aufgewacht!", rief Henok ihm ins Ohr. "Wus?", erschrak der Goblin. "Ein schönes Fässchen hast Du da... kann ich es mir mal 'ausleihen'?", fragte Henok, doch der Goblin schüttelte panisch den Kopf: "Nix da, und nu verschwinde, wenn du mir nix gescheites zum Tausch anbieten kannst." Der Goblin holte einen leuchtenden Stein aus seiner Tasche, starrte ihn an, und schlief wieder ein. "Hmm, also sammelt er schöne, leuchtende Steine....", dachte sich Henok. Henok sah sich um, doch weit und breit gab es keine schönen, leuchtenden Steine. Die einzigen, die er fand, waren grau, langweilig und öde. Er entschied sich für einen langweiligen. Jetzt musste er ihn nur noch ein wenig aufpeppen. Er erinnerte sich an die Fernsehshow "Pimp-my-Stone (tm)" und an das dort oft praktizierte Aufpeppen von Steinen mithilfe giftiger Substanzen. "NEONPLÜRRE!!!", dachte sich Henok, und suchte das alte, leuchtende Lagerhaus auf, an dem er vorhin vorbeigeschlendert ist. Mittlerweile war es dort mucksmäuschenstill, so dass er problemlos einbrechen konnte. Er fand ein Fass leuchtender "NEONPLÜRRE (tm)" und tauchte den langweiligen Stein in das Fass radioaktiver Plürre. Als er ihn wieder herausholte, leuchtete der Stein (und Henoks Hand) in einem schimmernden, hellen Neongrün. Henok freute sich sehr. |
| Nun musste er nur noch das Problem der zweiten Leber lösen. In einer dunklen Gasse fand er einen kleinen Laden, über dem ein großes Schild hing. Henok versuchte es zu entziffern: "Ah-poh-tee-ke... komischer Name für nen Kräuterhändler" Am trüben Schaufenster klebte lose ein giftgrünes Plakat, das für irgendeine Arznei warb: "Die 'Hau-Mich-Um-Pille(TM)' gegen schlaflose Nächte. Wirkt sofort. Sie merken nicht einmal, dass sie auf dem Boden aufkommen." Das war einen Versuch wert. |
| Henok trat ein. Hinter dem sterilen Tresen stand ein neurotisch wirkender, dürrer Mann mit Flaschenböden als Brillengläser und einem angseinflößenden, weißen Kittel. Der Mann zuckte ständig vor sich her. Direkt vor ihm stand eine alarmierend giftgrüne Dose. Das war es, was Henok suchte. "Entschuldigen sie. Ich würde gerne diese 'Hau-Mich-Um-Pillen (TM)' haben." Der dürre Apothekar zuckte zusammen und gab zur Antwort: "Das ist meine letzte Dose! Die wird nicht verkauft! Die nächste Ladung kommt in zwei Monaten. Kommen Sie dann wieder." Henok dachte sich, er könnte sich die Dose einfach schnappen und davon rennen, aber das würde nie und nimmer funktionieren. Und auch ein Ablenkungsmanöver kam nicht in Frage, der Apotheker würde merken, dass er die Pillen genommen hat. Er brauchte einen Plan... |
| Er verließ die Apotheke, riss mit einer graziösen Bewegung das Poster von der Scheibe und schnappte sich eine alte verrostete Dose, die im Mülleimer neben dem Apothekeneingang lag. Er umwickelte die Dose mit dem Papier und fertig war die Hau-Mich-Um-Atrappe. In der Apotheke grinste er den Mann hinter dem Tresen an und meinte: "Hätten sie vielleicht Aspirin?" Der Apotheker zuckte erneut zusammen. "Ich schau mal im Lager. Unseren Aspirin-Bestand kann ich mir nie merken." Er verschwand hinter einer Tür im Lager. Henok tauschte flink die echten 'Hau-Mich-Um-Pillen(TM)' gegen die Atrappe, kurz bevor der Apotheker aus dem Lager zurück war. "Nee, leider keine mehr da." Henok lächelte freundlich, "Schade, trotzdem danke...", und verschwand. |
| Er ging zum Goblin am Hafen und tauschte seinen mittlerweile in allen möglichen lustigen Regenbogenfarben leuchtenden Stein gegen das Fass "Jack Daniels - Der schnelle Tod im Fass(TM)". Um nicht selber besoffen zu werden (obwohl er kurz einen Gedanken daran verschwendete, es sich mit seinem neuen Freund Jack in einem Hinterhof gemütlich zu machen), streckte er den Rum mit etwas algengrünem, öligen Wasser aus dem Hafenbrunnen und betrat stolz die Kneipe. Es war immernoch sehr voll und sehr laut in der "besoffenen Jungfrau". Es schien Henok, als würden die Leute hierdrin ewig saufen können. "GUUUULP" rülpste ihm der alte saufende Fettsack laut und feucht entegegen, als er Henok sah. Er war wohl soeben mit einem anderen armen mutigen Kerl fertiggeworden, der total blau von seinem Hocker rutschte und leerte sich noch einen riesigen Krug Rum in die Kehle. "Der nächste büddeeee", grinste der fette Trunkenbold, "Willkommen in Jabbels Grog-Praxissss". Die anderen saufenden Typen standen um Jabbel herum und waren nicht viel schlanker als der Saufmeister. Sie lachten und grunzten laut, als sich Henok auf den soeben freigewordenen Hocker zu Jabbel an den Tisch setzte. Henoks Gesicht wurde ganz weiß. Er fragte sich, ob er nicht lieber schleunigst verschwinden sollte. |
| Jetzt gab es kein Zurück mehr - Henok wurde ganz ganz klein auf seinem Hocker. Er durfte jetzt keinen Fehler machen, sonst wäre die ganze Arbeit im "Neonplürre(TM)" Lagerhaus, in der Apothek und am Hafen umsonst gewesen. Also musste er den richtigen Augenblick abwarten, um die Drogen in den Becher des Obersäufers Jabbel zu kippen. Also tranken sie erstmal alle beide zehn oder zwanzig Becher des gestreckten Rums. Genau als Henok merkte, dass auch das gestreckte Zeug so langsam ein immer breiteres Grinsen in seinem Gesicht verursachte, begann im hinteren Teil der "Besoffenen Jungfrau(TM)" eine Schlägerei. Alle Fans des Säufers drehten sich um und begannen, grunzend und gröllend bei der Schlägerei mitzufiebern. Das Zeichen für Henok, die "Hau-mich-um-Pillen(TM)" in das Glas seines Gegenübers zu kippen. Irgendwann war auch die Schlägerei zwischen einem furzmonischen Zwerg und einem großen, glatzköpfigen Zuhälter vorbei, und zwar in dem Moment, als der Zwerg polternd zu Boden fiel, nachdem er einen ersten Treffer auf seine Knollennase abbekam, der nicht vom schier unendlichen Bart des Zwerges abgedämpft wurde. Henok freute sich wie ein kleines Kind, als sich Jabbel zu ihm zurück drehte und den randvollen vergifteten Rumkrug mit einem großen Zug in sich hineinkippte. |
| Jabbels Kopf wurde grüner als die Bäume, die überall auf den Hügeln des Grünbaumberges wucherten, auf dem Henok immer als Kind mit seinen Puppen gespielt hatte. Er versuchte immer wieder, die Erinnerungen an seine Kindheit zu verdrängen. Aber das Trauma um die niedlichen kleinen Stoffpüppchen, mit denen er dank seiner Mutter immer spielen musste, und die ihn zum Dorfgespött Nummer Eins machten, saß einfach zu tief. Er versuchte, den Gedanken an die Stoffpüppchen abzuschütteln und sich wieder auf Jabbel zu konzentrieren. Dieser verlor im selben Augenblick sein Bewusstsein. Seine Anhänger versuchten ihn festzuhalten aber er wurde von der Erdanziehungskraft mit einer konstanten Beschleunigung unter den Tisch gesaugt. Die Runde schwieg - keiner von ihnen hatte Jabbel je ein Wettsaufen verlieren sehen. Doch es gab für alles ein erstes Mal. Jabbel rülpste ihnen irgendwelche Laute entgegen, als sie ihn wieder auf den Hocker zu ziehen versuchten - doch es war erfolglos, Jabbel wog ungefähr soviel wie ein im 27 Monat schwangeres Einhornwalweibchen. |
| "GEWONNEN" kam es aus Henok hervor und die Meute stimmte erst nickend, dann applaudierend zu. Sie hatten einen neuen Helden gefunden, und Henok nahm die Ehre dankend engegen. Er ließ sich ein wenig feiern und kippte sich genüsslich den Rest des gestreckten Rums in den Rachen, und wollte dann seinen Gewinn einfordern - die 20 Piepen die Jabbel ihm versprochen hatte. Doch der Trunkenbold war zu besoffen, um in seinen Taschen nach dem Geld zu suchen. So musste Henok ihm helfen, doch er wurde nicht fündig. Das einzige was er so fand, waren Zigarettenkippen, Bierdeckel, eine rückwärts laufende Armbanduhr, ein Bibliotheksausweis, ein frisches Käse-Schinken-Sandwitch und vieeeeel Taschendreck. Moment mal, ein Bibliotheksausweis??? Ganz genau, ein Bibliotheksausweis. Henok kratzte sich an der Stirn. Der Ausweis war ausgestellt auf Jabbel Wüstenbrot. Jabbel ein Bücherwurm - das passte irgendwie nicht zusammen... Na egal, dachte er sich und nahm den Ausweis an sich. "Als Pfand, bis ich das Geld von ihm bekomme", lallte er seinen neuen Jüngern entgegen. Entschlossen verließ er die Kneipe in Richtung Bibliothek. Er könnte binnen Minuten sein Abenteuer beenden. Auf dem Weg zur Bibliothek fielen ihm Schleifspuren auf dem Boden ins Auge, die zum Hafen führten. Er beachtete sie vorerst nicht und zeigte der Bibliothekarin seinen Büchereiausweis. Sie entblößte sofort ihre Bücher. *SCHOCK* das Buch der schlimmen Dinge war nicht mehr an seiner Stelle - es war verschwunden. Die Bibliothekarin konnte sich nicht mehr erinnern, wie das Buch verschwinden konnte. Hmm, er schaute sich die Schleifspuren auf dem Boden nochmal genauer an: Typische Schleifspuren, wie sie von Büchern in freier Wildbahn erzeugt werden. Doch warum war das Buch weggelaufen? Warum tat es ihm das an? Seine Laune wurde noch schlechter, als er den Spuren bis zum Hafen folgte, und dort auch keine Hinweise fand. Die Spuren endeten einfach so am Wasser. Dieses Buch würde ihn noch verrückt machen - es war doch echt voll gemein. Er entschloss sich, in der Kneipe nachzufragen, dem einzigen Ort wo um diese Uhrzeit noch Menschen waren. Dort fiel ihm ein neuer seltsamer Gast auf. Er war der einzige der in einem feinen Sakko herumlief und eine Milch trank. Er setzte sich zu diesem seltsamen Fremden. Erst nachdem Henok sich auch ein Glas Milch bestellte, und so seine Freundschaft zu dem Fremden kundtat, verriet ihm dieser, dass er Bücherjäger war und auf der Durchreise nach Absintho Island war, wo sich alle freien Bücher versteckten, um einen schrecklichen Plan zu vollenden. Welchen Plan, wusste der Fremde nicht mehr so genau. Hmm, dann würde das Buch der schlimmen Dinge vielleicht auch dort sein... Henok merkte urplötzlich, dass der gestreckte Rum in Verbindung mit der Milch ihm doch zu schaffen machte. Aus seinem Bauch kamen einige sehr seltsame Geräusche. Ihm wurde richtig schwindelig. RICHTIG schwindelig. So schwindelig, dass es ihn plötzlich seitwärts vom Hocker schlug. Da lag noch Jabbel, und er landete sanft auf dessen Bauch, auf dem, so schien es Henok, die ganze Welt es hätte sich gemütlich machen können. Henok schlief grinsend ein. |
| Kapitel 3 |
| Ein harter Tritt ließ Henok aus dem Schlummer erwachen. "Heda! Aufwachen!" Die Umgebung setzte sich langsam aus unscharfen Klecksen zu einem schunkelden Deck eines Schiffes zusammen. "Oh, wie komme ich denn hier her?" schwankend richtete sich Henok auf und schaute nach dem Tretenden. "Verzeihung, ich muss mich wohl im Rausch verlaufen haben... ich gehe wieder an Land und gehe meiner Wege." Der Matrose, der ih getreten hatte lachte nur lauthals und antwortete: "Junge, echt jetz! schau dich um, siehst du irgendwo Land?" Henok erschrak. Das Schiff muss schon vor einiger Zeit abgelegt haben, des es war nicht ein einziger Streifen Land in sicht. "Und jetzt schnapp dir den Lappen und fang an das Deck zu schrubben." |
| Nach einer längeren Diskussion mit dem ersten Maat stellte sich heraus, dass das Schiff auf eine längere Fahrt in Richtung eines unbekannten, geheimnisvollen Kontinenten aufgebrochen war. Tatsächlich wusste der erste Maat nicht, wohin es gehen würde, und es schien ihn auch nicht sonderlich zu jucken. Jeder an Deck sah der Mission ins Unbekannte irgendwie voller Stolz und Abenteuerlust lachend ins Gesicht. Sogar, als Henok ihnen prophezeite, sie würden über den Rand der Welt fallen, wenn sie weitersegeln, winkte nur jeder gelangweilt ab, und meinte das sei ihrer Auffassung nach unmöglich, da die Welt die Form eines Dodekaeders habe. Und als Henok fragte, wie man auf so einen Schwachsinn komme, kam die Antwort, das liege doch auf der Hand, denn der Dodekaeder sei das duale Polyeder zum Ikosaeder und umgekehrt. Aber wenn Henok sich so den Steuermann ansah, machte er sich darüber keine Sorgen, denn das Schiff schien sowieso ständig im Kreis zu fahren. Auch der Captain schien nicht besonders Helle zu sein. Mitten auf dem Oberdeck lag er fröhlich singend neben einer riesigen Schnappulle und schien seine Umgebung gar nicht wahr zu nehmen. |
| Eigentlich war Henok mehr oder weniger aus dem Schneider, denn er war aus Milenas Einflussbereich entkommen und brauchte sich nicht mehr um sonderbare Bücher den Kopf zu zerbrechen. Andererseits würde er inmitten dieser Chaotencrew früher oder später verhungern. Er musste diesem Idoten von "Ich-bin-Steuermann-also-drehe-ich-wild-am-Steuer-herum" das Handwerk legen, und vernünftigen Kurs setzen. Er brauchte einen Plan. |
| Doch zuerst hatte er einen riesen Kohldampf. Es musste schon Wochen her sein, dass Henok das letzte mal etwas im Mund hatte, was er als Essen bezeichnen konnte. "Heyda oben", schrie er zu einem Matrosen hinauf, der gerade so tat, als wollte er das Segel zurecht zurren. "WAS?!?!" entgegnete dieser. "Wo gibt's denn hier was zu spachteln?" "Unter Deck du Volldepp! Wie bist du denn nur auf ein Schiff gekommen?" "Das ist eine berechtigte Frage", dachte sich Henok im stillen, vielleicht sollte er die zuerst einmal herausfinden. Aber zuerst das Essen. Also lief Henok zu der nächsten Luke, die ihn am wahrscheinlichsten unter Deck bringen sollte. |
| Unter Deck angekommen schaute sich Henok erst einmal gründlich zwischen den vielen Kisten und Fässern um. Plötzlich begann die Lufft zu flirren und ein unheilschwangeres rotes Licht schien durch die Planken hindurchzuleuchten. Langsam baute sich direkt vor im eine geisterhafte Gestalt auf. "Soso, du wolltest also abhauen, großer Krieger!" Es war Milena, die mit Hilfe von irgendwelchem Hokuspokus Kontakt zu Henok aufnahm. "Du solltest doch das Buch beschaffen! Wenn du nicht sofort spurst, wird ein schreckliches Unglück passieren." Henok grübelte kurz "Achja?", sagte er, "was für ein schreckliches Unglück denn?" Kaum hat er den Satz beendet, hatte er einen hässlichen Tentakel statt seines linken Arms. Henok schrie auf, und das Geisterbild von Milena lachte ihn aus. "Mach, dass du meine Befehle befolgst, oder ich lass mir noch Besseres für dich Einfallen!" Henoks Tentakel verwandelte sich wieder in seinen Arm zurück. |
| So langsam erkannte Henok, dass er wohl doch nirgendwo sicher vor Milena war. Seine Lust, den Rest seines Lebens mit Tentakelarmen herumzulaufen, hielt sich in Grenzen. Doch welch neue Möglichkeiten würden sich durch Tentakelarme ergeben, eine Bierflasche zu öffnen... Oder um seinen Traum von selbstgetöpferten Wasserpfeifen zu verwirklichen... Er schüttelte diese Gedanken weg und widmete seine Aufmerksamkeit dem Steuermann. Er versuchte, ihn zu überreden, einen anderen Kurs zu setzen, doch der war so von sich begeistert, dass er das auf gar keinen Fall machen würde. Er betonte immer wieder, dass er nur vollständige, diskrete Aufträge vom Captain entgegennehmen würde. Das Formular für vollständige, diskrete Befehle würde man in Kajüte 13b finden. Doch ohne Unterschrift des Captains ginge nichts. Und eine gefälschte Unterschrift würde er sofort erkennen. Mann war der dumm, dieser Steuermann. Wie konnte er ihn bloß überwältigen? Das machte doch alles keinen Sinn... Vielleicht könnte irgendwie anders von diesem stinkenden Schiff runter. Hmm, vielleicht einfach wegschwimmen... |
| Als hätte jemand seine Gedanken mitgehört, klopfte ihm etwas auf die Schultern: "Hey Du da, kannst Du schwimmen?". Noch bevor Henok sich umdrehte, roch er den üblen Geruch des alten vernarbten Matrosen der da klopfte. Er roch nach Moder, Schnaps und Erde. "Ähhhh... ääähh... Wer will das wissen?", drückte sich Henok vor einer Antwort. "Mein Name ist Morgan, Captain der Reserve... Und genau das ist mein Problem..." - "Ich bin aber nicht hier, um deine Probleme zu lösen" erwiderte Henok. Morgan schien das "nicht" in diesem Satz nicht verstehen zu wollen. "Also Gut, Bursche. Der Captain dieses Schiffes taugt nicht viel, und ich will ihn stürzen. Ich brauchen jemanden, dem ich vertrauen kann... Ich würde dich auch reich belohnen..." Morgan zwinkerte Henok mit seinem einen, noch funktionierenden Auge zu "Und Du wärst frei..." Hmm, okay das hörte sich doch gut an. Und es konnte doch nichts schaden, auf dem Schiff einen Freund zu haben, dachte sich Henok - "Okay, was soll ich tun?" - "Ich lenke die Crew ab. Wenn ich Dir das Zeichen gebe, schnappst Du dir die Schnapspulle und springst damit über Bord. Der Captain wird nicht aushalten können, dass jemand anderes als er sich damit besaufen kann und sich ebenfalls über Bord werfen um die Pulle vor dir zu retten. Dann schwimmst Du so schnell Du kannst wieder zurück." Das war so ziemlich der dümmste Plan der Welt, Henok hatte noch nie etwas Sinnloseres gehört - Es MUSSTE also funktionieren. Morgan grinste verschmitzt und freute sich wie ein kleines Kind über seinen bescheuerten Plan. "Auf gehts!", dachte sich Henok und zuckte die Schultern. |
| Morgan ging auf das Oberdeck und lenkte die Besatzung ab, indem er eine Geschichte über süße Bernhardinerwelpen erzählte. Die ganze Besatzung, bis auf den gefährlich aussehenden, aber tauben, ersten Maat hörte wie gebannt zu und beachtete das Geschehen auf dem Schiff nicht. Als Henok das Zeichen von Morgan sah (Morgan unterbrach seine Erzählung kurz um in seinem Ohr zu bohren und einen ekligen gelben Popel rauszuholen) versuchte er, sich die Schnapspulle zu holen. Doch der erste Maat stellte sich ihm voluminös in den Weg. Also musste er den auch ablenken. Nicht so einfach, denn wie gesagt, er war ja taub. |
| Wer nicht hören will muss sehen, dachte sich Henok also musste er ihm etwas zeigen. Wo sind die schönen Tänzerinnen, wenn man mal eine braucht. Aber woher nehmen, wenn nicht selbst sein. Also griff Henok flink nach zwei Kokosnuss-Hälften, die neben dem Mat auf dem Boden lagen, hielt sie sich vor seine Brust wie die Tänzerin Zara aus den "Fernen Landen" das einst vor ihm tat und fing an zu tanzen. Henok wusste jedoch nicht, dass der Maat von einer Insel stammte, die gleich neben den fernen Landen lag. Auf dieser Insel war es Sitte, mittels eines Tanzes mit zwei Kokosnusshälften einen Heiratsantrag zu machen. Leider hatte der Maat eher Männer als Frauen im Sinn (was sein Betreben 1. Maat zu werden erklärte) und fühlte sich sehr angetan von Henoks Heiratsantrag. Er bedeutet ihm zu warten um sein traditionelles Kleid anzulegen und verschwand in seiner Kajüte. Henok, der nicht wusste, was das ganze sollte, nutze die Gelegenheit und ging auf die Flasche zu. |
| Im Handumdrehen hielt Henok die Flasche in der Hand und sprang über Board. *Platsch*. Da paddelte Henok nun im Wasser und reichlich wenig passierte. "La La La, dummer Plan", dachte sich Henok, als plötzlich ein Schrei von Deck erklang: "Mann über Board...". Nichts geschah. "... Flasche vom Kapitän auch über Board." Plötzlich schrieh der Kapitän wie ein Wilder und ein säuerlicher Kapitän flog in hohem Bogen über Board. Schnell schmiss Henok die Flasche ein gutes Stück weiter weg vom Schiff und schwamm in seinem mehrmals dekorierten und honorierten Delphinstil auf das Schiff zu. In der Zwischenzeit schwamm der Kapitän fluchend auf die Flasche zu. "Sieht aus als würde der Plan funktionieren", dachte Henok bei sich, als er an einem Ende des Seils, das der Kapitän der Reserve am anderen Ende festhielt an Board kletterte. "Von nun an werde ich Captain Morgan genannt - ich bin jetzt der neue Kapitän", verkündete der alte Kapitän der Reserve laut, was den eigentlichen Kapitän nicht sonderlich störte, da dieser ja gerade seine Flasche retten konnte. Die Matrosen applaudierten und wiederholten lauthals "Captain Morgan, Captain Morgan!", um es sich mit dem neuen Kapitän nicht zu verschmähen, und dieser fuhr fort "und Henok ist nun der Kapitän der Reserve!" - "Kapitän der Reserve, was?" dachte sich Henok reichlich verwirrt. Etwas Stolz wurde auf seinem dreckigen Gesicht sichtbar. Aber egal, er hatte nun andere Sorgen. |
| Henok versuchte erst gar nicht, den törichten Steuermann ohne das "Formular für vollständige, diskrete Befehle an den Steuermann" aufzusuchen. Er besorgte sich das verfluchte Formular aus Kajüte 13b, ließ es von Captain Morgan unterzeichnen und berechnete einen neuen Kurs: Absintho Island. Nun ging er zum Steuermann, welcher das Formular sorgfältig prüfte und sofort den neuen Kurs ansteuerte. Puh, das wäre geschafft. |
| Tage vergingen. Noch immer kein Land in Sicht. Henok wurde seekrank, er war ja auch das erste Mal auf einem Schiff, wenn man es überhaupt so nennen konnte. Es war alt, langsam, und stank nach Algen. Genau wie Henoks Exfreundin, an die er gerade denken musste. Plötzlich ein lauter Ruf "LAAAND IN SICHT!" Henoks Laune besserte sich als er die noch recht weit entfernte Insel zu sehen bekam. "Achtert den Spinnaker! Luvt die Fogg!! Riggtrimm schoten!!!" schrie der Steuermann durch den Wind und Henok verstand, wahrscheinlich genau wie auch alle anderen auf dem Schiff, kein Wort der kryptischen Seemansbefehle. Es musste tatsächlich Absintho Island sein, denn die Insel war grün und flaschenförmig. Captain Morgan stand genau neben ihm: "Wir sind da, kleiner, und Du bekommtst wie versprochen Deine Freiheit zurück!" Sie liefen den Hafen an und dockten an der so ziemlich schäbigsten Kai der Welt an. Ein starker Anisgeruch lag in der Luft. Henok erkannte, dass den meisten Menschen die hier herumliefen irgendein Körperteil fehlte, meistens ein Ohr oder ein Finger. Er schluckte tief, und überlegte sich nochmal was er hier machte. |
| Kapitel 4 |
| Henok beschloss, sich ein wenig auf Absintho Island umzuschauen. Die Insel war nicht besonders stark bewohnt, den größten Teil bildete ein dicht bewachsener Urwald aus Absinthpflanzen und Absinthbäumen, in den Henok sich nicht hineintraute. Ansonsten bestand die Insel aus dem am Hafen liegenden Dorf mit mehreren Kneipen, Spielunken, rot beleuchteten, unsittlichen Bars, einem High-Tech-Laden namens "High-Tech-Laden", und einigen, etwas außerhalb liegenden Hütten. Der süßliche Anisgeruch in der Luft machte ihn sehr durstig, doch er blieb hart und versuchte sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren: Das Buch der schlimmen Dinge zu finden. Doch wo sollte er anfangen? |
| Henok schlenderte ein wenig umher, bis ihm die schon in der Bibliothek gesehenen, typischen Schleifspuren auf dem Boden auffielen, exakt wie die, die von Büchern in freier Wildbahn erzeugt werden. Der milchtrinkende Bücherjäger hatte also Recht - das Buch der schlimmen Dinge war tatsächlich auf Absintho Island. Henok fand die Spuren vor dem High-Tech-Laden und folgte ihnen durch den Wald bis zu einer der etwas außerhalb liegenden Hütten. Die Spuren führten direkt in die Haustür der Hütte hinein. Doch die Tür selber war verschlossen, und auch nach energischem Klopfen und energischstem Hämmern machte ihm niemand auf. Er fand einen Weg um die Hütte herum, doch auch im Hinterhof befand sich nichts, außer natürlich der weit geöffneten Hintertüre zu der Hütte. |
